Licht verstehen: Warum es über jedes Bild entscheidet

Licht ist die eigentliche Substanz der Fotografie. Es entscheidet über Stimmung und darüber, wie Formen erscheinen. Zwei Eigenschaften genügen, um die meisten Bilder zu verstehen: wie weich oder hart das Licht ist und aus welcher Richtung es kommt. Wer diese beiden Begriffe hat, kann sagen, was er möchte.
Weich und hart
Der Unterschied liegt in der Größe der Lichtquelle im Verhältnis zum Motiv. Eine große Quelle nah am Motiv erzeugt weiches Licht: Die Schatten haben weiche Übergänge, Unebenheiten werden gemildert, alles wirkt freundlich. Eine kleine oder weit entfernte Quelle erzeugt hartes Licht: klar begrenzte Schatten, deutliche Struktur, mehr Dramatik.
Ein bedeckter Himmel ist die größte weiche Lichtquelle, die es gibt: die ganze Wolkendecke leuchtet. Deshalb sind Menschen an einem grauen Tag oft besser fotografiert als bei knallender Sonne. Die Sonne bei klarem Himmel ist dagegen sehr klein und sehr weit weg, also hart.
Beides ist richtig. Weiches Licht ist gefällig und verzeiht, es kann aber flach und langweilig wirken. Hartes Licht ist charaktervoll und formt, es ist aber gnadenlos gegenüber allem, was an der Oberfläche ist.
Die Richtung formt, und warum die Mittagssonne schwierig ist
- Von vorn: gleichmäßig, wenig Schatten. Freundlich, aber flach. Das Gesicht verliert Tiefe.
- Von der Seite: formt stark, betont Struktur. Charaktervoll, aber betont auch alles, was strukturiert ist.
- Von halbseitlich: der klassische Kompromiss. Formt, ohne zu dramatisieren.
- Von hinten: das Motiv wird umrissen, es entsteht ein Saum aus Licht. Reizvoll, verlangt aber Aufhellung von vorn.
- Von oben: erzeugt Schatten in den Augenhöhlen und unter der Nase. Meist ungünstig für Gesichter.
- Von unten: wirkt unnatürlich, weil es das im Alltag praktisch nie gibt.
Mittags steht die Sonne hoch. Das Licht kommt also von oben, und es ist hart. Beide Eigenschaften sind für Gesichter ungünstig: harte Schatten in den Augenhöhlen, ein Schatten unter der Nase, gekniffene Augen.
Deshalb suchen Fotografen mittags den Schatten. Nicht weil dort weniger Licht ist, sondern weil es dort weicher und besser gerichtet ist. Der Schatten eines Gebäudes, ein Baum, eine Passage. Das ist einer der wirksamsten Handgriffe überhaupt.
Die guten Stunden
Kurz nach Sonnenaufgang und kurz vor Sonnenuntergang steht die Sonne tief. Das Licht kommt von der Seite, es hat einen langen Weg durch die Atmosphäre und ist deshalb wärmer und weicher. Diese Zeit ist der Grund, warum viele Außentermine sehr früh oder sehr spät liegen.
Danach kommt die Dämmerung, in der das Licht sehr weich und der Himmel noch hell ist. Innen und außen gleichen sich in dieser Zeit an, weshalb viele Innenaufnahmen und Architekturbilder dann entstehen.
Fenster sind Studios, gemischtes Licht ist das Problem
Ein großes Fenster ohne direkte Sonne ist eine hervorragende Lichtquelle: groß, weich, gerichtet. Sehr viele gute Portraits entstehen genau dort, ohne jede Technik.
Die Regel ist einfach: Die Person schaut zum Fenster oder steht seitlich dazu, nicht mit dem Rücken davor. Und je näher am Fenster, desto weicher, weil die Quelle im Verhältnis größer wird.
Wenn Sie einen Termin bei sich zu Hause haben, ist das die nützlichste Information, die Sie weitergeben können: wo die großen Fenster sind und wann dort Licht ist, aber keine direkte Sonne.
Ein Raum mit Tageslicht vom Fenster und Kunstlicht von der Decke hat zwei Lichtfarben. Auf einem Gesicht, das von beiden getroffen wird, ist eine Hälfte anders gefärbt als die andere. Das lässt sich nur begrenzt korrigieren.
Deshalb schalten Fotografen in Innenräumen oft das vorhandene Licht aus, auch wenn das für Sie unlogisch aussieht. Sie entscheiden sich für eine Lichtfarbe. Das ist der Grund, warum es plötzlich dunkler wird, bevor es besser wird.
Was Sie damit anfangen
Sie müssen kein Licht setzen können. Aber Sie können mit diesen Begriffen sagen, was Sie möchten: eher weich und freundlich oder eher gerichtet und charaktervoll. Und Sie können erkennen, warum ein Fotograf einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Uhrzeit vorschlägt.
Vor allem können Sie ihm helfen: Sagen Sie, wo die Fenster sind, wann dort Licht ist, wie der Raum ausgerichtet ist. Diese Angaben sind für die Planung wertvoller als jede Beschreibung der Einrichtung.
Fazit
Zwei Begriffe genügen: weich oder hart, und die Richtung. Weiches Licht verzeiht, hartes formt. Von halbseitlich ist meist die sichere Wahl, von oben die ungünstigste. Mittags gehört man in den Schatten, ein großes Fenster ist ein Studio, und gemischtes Licht ist der Grund, warum das Deckenlicht ausgeht.